Ungeschminkt

Dieser Blog-Artikel spukt schon lange irgendwo auf meiner inneren Festplatte herum und eine gute Freundin hat mich schlussendlich ermutigt, ihn doch endlich mal zu schreiben. Um diese Freundin soll es hier unter anderem auch gehen.
So viel sei vorweg gesagt: Mir persönlich ist es völlig egal, wer sich wie stark schminkt oder eben nicht. Das hier wird kein Plädoyer für oder gegen Make-Up.
Es ist viel mehr eine Perspektive. Ein Blickwinkel. Eine Einladung an all die Männer, die mir so oft erzählen, wie viel hübscher ich ohne Schminke doch sei.

Fangen wir bei meiner Freundin an und nennen wir sie Lea. Lea ist so alt wie ich und studiert in einer beliebigen Kleinstadt Deutschlands ein angesehenes Studium. Lea ist talentiert, aufgeschlossen, fleißig und bei ihren Freund*innen immer schon sehr beliebt gewesen. Lea wirkt immer wie ein verdammt selbstbewusster Mensch. Eine Frohnatur, die kein Blatt vor den Mund nimmt.
Diese Fassade bekommt erst Risse, wenn Lea sich abschminkt. Denn über die Hälfte ihres Gesichtes (teilweise bis runter zum Hals) zieht sich ein Feuermal. Es lässt eine Hälfte ihrer Lippe voluminöser erscheinen und schimmert allgemein rot in ihrem hellen Gesicht.

Sagen wir es mal so: Als Kind war es vermutlich schlicht und einfach scheiße.
Und ja, jetzt höre ich sie wieder, die laut jubelnden Stimmen der Selbstakzeptanz.
„Du bist trotzdem schön!“
„Scheiß auf die Gesellschaft!“
„Liebe dich so, wie du bist!“
„Trau dich – sei natürlich!“

Das meine Freundin schön ist, weiß ich. Das weiß sie selber auch ganz gut, Feuermal hin oder her. Ob geschminkt oder ungeschminkt. Aber all die guten Ratschläge der Selbstliebe helfen dir herzlich wenig, wenn du beim Arzt bist, und dieser dir einen kosmetischen Eingriff im Gesicht empfiehlt.
Wenn du wegen eines Schnupfens zur Apotheke gehst und man dir gleich noch eine Creme gegen „das Hautproblem“ andrehen will oder dir ungefragt Schminktipps von ebendieser Person zur Medizin gereicht werden. Fuck you „liebe dich wie du bist“.
Wenn du genau weißt, dass Menschen dich bei ersten Begegnungen oft anstarren, weil sie überlegen, ob du Herpes oder aufgespritzte Lippen hast.
Und nein, hier geht es nicht darum, ob Lea trotzdem geliebt und akzeptiert wird (wird sie), ob sie trotzdem genug Männer findet (tut sie) und ob sie immer mehr lernt gelernt hat, auf ihr Feuermal zu scheißen (hat sie).

Hier geht es um die schlichte Tatsache, dass Lea sich gerne ihr Feuermal überschminkt.
Denn Lea ist wie ein Chamäleon, eine Meisterin der Tarnung, ein G.I. Joe des Camouflage.
Wo andere noch versuchen ihre Pickel mit Zahnpasta zu vertuschen, pinselt sie schon elegant um den Haaransatz herum. Wo mir die Haare am Lipgloss kleben bleiben, zieht Lea noch mal den Lippenstift nach.
Und in wenigen Minuten verschwindet ihre Hautrötung und zurück bleibt nur ein ebenmäßiges Hautbild, bei dem selbst Photoshop arbeitslos wird.

Und wieder krähen sie von ihren Dächern herunter.
„Du musst dich doch nicht schminken!“
„Du bist doch ohne Make-Up schön!“
Das sind Menschen, die bei jeder sich bietenden Gelegenheiten den Verzicht von Make-Up preisen. Menschen, die das nicht kennen. Angestarrt werden. Kommentiert zu werden. Sich für sein Aussehen rechtfertigen zu müssen.
Make-Up kauft uns nämlich eine Auszeit davon. Make-Up ist das Resting Bitch Face, das wir uns nach Belieben zulegen können.IMG_0955

Lea fühlt sich nicht mehr oder weniger hübsch abhängig von der Zentimeterdicke ihrer Puderschicht. Viel mehr geht es darum, wie sichtbar sie ist.
Geschminkt geht sie einfach unter, ist sie eine unter tausend Frauen, ein hübsches Gesicht unter vielen. Ungeschminkt hingegen prangt ihr Feuermal wie eine Rechtfertigung für dümmliche Sprüche in ihrem Gesicht. Denn ungeschminkt kann sich Lea nicht aussuchen, wie sichtbar sie sein möchte. Ungeschminkt ist Lea immer einen Blick wert.

Und ja klar, Lea ist ein Extrembeispiel. I get it. Aber manchmal braucht man das Extreme, um zu zeigen, dass es im Kleinen anfängt.
Augenringe. Jede*r hat sie, keine*r liebt sie und irgendwie werden sie mit jedem Jahr nur schlimmer.
„Sei natürlich!“ Fick dich Natürlichkeit. Wenn ich ungeschminkt kein Gespräch führen kann, ohne gefragt zu werden ob ich müde sei, oder irgendwie schlecht drauf oder ist vielleicht sogar jemand gestorben?

source

Wenn zwei Tupfer Concealer es schaffen, mir eine Auszeit zu nehmen, ist es mir die zehn Sekunden wert.
Es ist meine Entscheidung, ob ich möchte, dass du meine Pickel siehst. Es ist meine Entscheidung, meine Unreinheiten verschwinden zu lassen. In einer Welt, in der Menschen mit perfekt reiner Haut immer nur „eine einfache Feuchtigkeitscreme und viel Wasser“ empfehlen möchte ich im Dreieck springen. Glaubt ihr so bekämpft man klinische Akne? So etwas hilft gegen die Flut an Hormonen, die mein Körper monatlich ausschüttet?
Wir haben es verstanden, du hast Glück mit deiner Haut. Jetzt sei zufrieden und belästige mich nicht mit deinen DIY Beauty-Tipps.

Nicht zu vergessen die Scharen von Männern, die sich nur mal ironisch im Fernsehen schminken, um dann der gesamten Frauen*welt zu erklären, dass „so viel Schminke ja total schlecht ist. Das verstopft die Poren und so.“ Danke Watson. Alle sind sie Experten, alle wissen sie Bescheid und alle möchten so gerne über ein Gesicht bestimmen, das nicht ihres ist. Verschone mich also bitte mit deinen stümperhaften Schminkversuchen und lass mich und meinen Lidstrich in Ruhe, wir haben eh schon eine sehr schwierige Beziehung zueinander. Wie und wann ich meine Poren verstopfe, ist ja wohl meine Sache.

giphy

In einer Gesellschaft, in der man ständig entweder objektifiziert oder politisiert wird, kann das alltägliche Dasein manchmal ganz schön anstrengend werden. Unrasierte Achseln sind kein Statement und ein knalliger Lippenstift macht mich nicht zu einem Sexobjekt. Attraktivität ist keine Skala, an der man sich hoch und runter pinselt.

Und nein, ich schminke mich nicht für Männer. Ich schminke mich für mein Spiegelbild in Schaufensterläden. Ich schminke mich aus einer Laune heraus, einer Lust oder einem Glas Wein zu viel. Du schminkst dich nicht? Das ist voll ok, jetzt lass uns ne Kippe drehen und noch einen trinken.
Es geht nicht darum, wer sich wie schminkt. Es geht darum, sich gegenseitig mal in Ruhe zu lassen. Warum ist es so wichtig für uns, wer wann was mit seinem Gesicht macht?
Warum ist es als Frau mutig, ungeschminkt zu sein? Warum werden kleine Mädchen übersexualisiert, nur weil sie mal den blauen Lidschatten von Mama ausprobiert haben?
(Ja da mussten wir alle durch!)
Wenn mein Körper ein Tempel ist, dann ist mein Gesicht eine Leinwand. Und Leinwände können in den verschiedensten Farben leuchten.

Du magst ungeschminkte Mädchen mehr? Fein, dann such dir ein ungeschminktes Mädchen aber lass mich bitte in Ruhe meinen Lippenstift nachziehen. Ich halte dir ja auch keine ungebetenen Vorträge über den Flaum auf deiner Oberlippe.
Ich schminke mich nicht, weil ich Komplexe habe oder denke, dass mein Gesicht der Welt nicht zumutbar ist. Ich schminke mich aus den selben Gründen, aus denen ich mir hübsche neue Sneaker kaufe oder meinen Arsch zum Beat von Gucci Mane bewege.  Weil ich Bock drauf hab und es Spaß macht!
Ob Lea oder Leonie, ob Pickel oder Feuermal. My face, my choice. My money, my Make-Up.
Natürlichkeit oder Plastik, wo auch immer wir uns im Spektrum bewegen, Hauptsache wir tun es mit erhobenem Haupt und atemberaubendem Wimpernaufschlag.

giphy

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