Slow me down, fashion!

Ich habe einen ziemlich gut gefüllten Schrank – und außerdem ein Vorhaben: In den nächsten sechs Monaten will ich keine neuen Kleidungsstücke kaufen – neu im Sinne von wirklich neu, First Hand, von der Stange, frisch aus dem Laden mit Etikett und allem, ihr wisst schon. Second Hand ist erlaubt. Aber von vorn.

 

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Second Hand gekauft in Portland. Rock für 1 Dollar, Top für 3 Dollar. (Minus Papp-Kaffeebecher ein recht nachhaltiges Outfit, also…)

Das Ding ist nämlich: Ich kann noch so viele Texte über Minimalismus lesen und ich bin auch wirklich kein Fan davon, wenn viel Krimskrams rumfliegt – aber Mode, das Herumexperimentieren mit Kleidungsstücken, Streifzüge durch Vintage-Läden – das ist nun mal so was wie mein Hobby. Papperlapapp: Es ist mein Hobby. Es entspannt mich. Ich will nicht aussortieren, bis bloß noch zwanzig ›Lieblingsteile‹ übrig sind. Und würde ich mir so etwas total abgefahren Minimalistisches vornehmen wie: Sechs Monate/ein Jahr lang g a r  n i c h t s kaufen, ich wüsste vor lauter vorprogrammiertem Scheitern überhaupt nicht mehr wohin mit mir. Don’t judge me: Auch wenn ich schon acht wild gemusterte Hemden, die mein Papa in den frühen Neunzigern getragen hätte, besitze – wenn ich irgendwo ein neuntes finde, schlägt mein Herz höher. Es macht mich glücklich, absurd gemusterte Shirts oder besonders hoch taillierte Hosen zu tragen. Ich werde immer noch traurig, wenn ich an einen pink-schwarzen 80s-Wollpulli denke, den ich letztes Jahr in Seattle nicht gekauft habe. Ich komm an Flohmärkten und Second Hand-Shops schlicht nicht vorbei.

Ich komme aber, Achtung, auch oftmals nicht an Monki- oder Weekday-Filialen vorbei. Anders gesagt: Ich liebe Monki und Weekday. Und brüste mich zeitgleich damit, schon ach so lange nicht mehr bei H&M eingekauft zu haben (it’s all the same…).

 

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Trainingsjacke: Kürzlich auf einem Flohmarkt gefunden. 4 Euro.

In letzter Zeit fällt mir auf, dass aber gerade die Kleidungsstücke, die ich in der Monki-Umkleide am liebsten gleich aufessen würde vor Glück, nicht unbedingt ein superlanges Leben eng an meinem Körper zu führen bestimmt sind. Nach ein-, maximal zweimal Tragen sind sie mir dann häufig doch zu unförmig, zu eng an den Schultern, zu krass, zu langweilig. Oder ich merke, dass ich aufgrund eines bestimmten Materials besonders schnell und doll schwitze. Und dann liegen die Teile rum, nehmen Platz weg im Schrank und machen mir obendrauf ein schlechtes Gewissen. (Bis ich dann das nächste Mal ›zufällig‹ an der Friedrichstraße lande und schon wieder eine neue Kollektion Lieblingsstücke in den Läden hängt, mit denen es diesmal bestimmt besser laufen wird. Not.) Oder ich gebe sie weg, verschenke sie – was ja erst einmal besser ist, als kiloweise ungetragenen Stoff zu horten – aber schon auch krass: Im Schnitt gebe ich für diese Klamotten viel mehr (offensichtlich nicht schlau investiertes) Geld aus, trotzdem hänge ich nicht dran. Fast Fashion eben.

Gleichzeitig fällt mir auf, dass ich die meisten meiner tatsächlichen Lieblingsstücke ziemlich kostengünstig wahlweise in Second Hand-Läden oder auf Flohmärkten erstanden habe. Ich trage sie viel häufiger und länger – und es hängen auch viel mehr Erinnerungen dran. Wenn ich dieses eine Shirt trage, denke ich an die Reise nach Israel vor drei Jahren, an den Laden mit dieser unfassbaren Menge an coolen Hemden, den wir zufällig gefunden haben – das ist doch weitaus netter als »Die Hose? Puuuh, bei einem der letzten sieben schnellen Monki-Checks auf dem Weg zum Bahnhof mitgenommen«.

 

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Das Tel Aviv-Shirt. Gekostet hat’s nen Zehner.

Natürlich sind Reise-Mitbringsel immer besonderer als Klamotten aus dem Laden, an dem man täglich vorbeigeht. Und natürlich kann man auch – oder gerade! – auf Flohmärkten überdosieren: Ach, so günstig, na, nehm’ ich mal mit, ob’s passt oder nicht. Ich für meinen Teil hab trotzdem das Gefühl, bewusster zu kaufen, wenn es um gebrauchte Sachen geht. Und ich freue mich viel mehr darüber, dass mir das 90er-Jahre-Einzelstück auf dem Flohmarkt passt, als dass es die Hose von der Stange auch noch in meiner Größe im Lager gibt. Ich hab gleich eine – Obacht, jetzt wird’s ein bisschen esoterisch – ganz andere Verbindung zu den Kleidungsstücken. Außerdem habe ich bei neu gekauften Sachen schon eine Saison später das Gefühl, dass sie nicht mehr ›angesagt‹ sind – während ich fröhlich im 90s-Shirt meiner Mama herumlaufe. Hm.

 

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Lieblingspulli. Gebraucht im Netz gekauft, ca. 25 Euro.

Und deswegen, lange Rede, kurzer Sinn, mein Vorhaben: Juli, August, September, Oktober, November, Dezember, nur Second Hand, keine neu-neue Kleidung, keine spontanen Ausflüge zu Weekday, keine Scroll-Marathons bei ASOS. Möglichst keine Ausnahmen. Ich sage möglichst, weil ich das Ganze nicht als alberne Challenge mit mir oder gegen mich selbst sehen möchte, sondern als einen Weg, ein bewussteres Einkaufverhalten zu erlernen. (Und weil ich mich kenne. Und weil ich einen neuen Badeanzug brauche und eine Schwäche für Musiker_innen-Merch habe. Das war’s dann aber auch mit den Ausnahmen!) Ich werde hier davon berichten – und bis dahin sehen wir uns auf dem nächsten Flohmarkt.

 

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12 dieser 14 Muster wurden bereits gebraucht erstanden.
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